Zwischen den Ruinen des Normalen wächst die Utopie

Der Umsonstladen bleibt heute geschlossen.

– wir feiern keine „Bunte Republik Neustadt“ –

Eine Bunte Republik Neustadt hat also keiner erfunden. Sie war da. Ein quirliges, aufrührerisches Viertel, wo sich eigene Regeln entwickeln. […] Vor der Gefahr eines ‚Gesetzes der Stärkeren‘ standen die Vielzahl der Aufsässigen und ihre Tradition des zivilen Ungehorsams – da konnte sich niemand lange als der Stärkere fühlen, auf Kosten der anderen. (W. Pröhl, in: 1989-06. Ein Bild der IG Dresdner Äußere Neustadt, S. 169)

Zur Wendezeit brachen mit der alten Gesellschaftsordnung Autoritäten und behördliche Kontrolle weg. In dieser Atmosphäre des Aufbruchs und kreativen Ungehorsams wurde 1990 die erste „Bunte Republik Neustadt“ gefeiert. In Baulücken zwischen verfallenen Häusern, in Hinterhöfen und auf den zahlreichen Brachflächen gab es improvisierte Stände, Straßenbands und Kleinkunst. Das Fest wuchs, wurde größer und zog immer mehr Menschen an. Im Jahr 1997 gab es erstmals keine Gruppe von Organisator_innen – die BRN wurde dennoch gefeiert – bis dann abends Hundertschaften der Polizei durch den Stadtteil zogen und auf Feiernde, Musiker_innen und Anwohner_innen einprügelten.

Die folgenden Jahre der BRN waren geprägt von Sicherheitsbedenken, zunehmender Kommerzialisierung, wechselnden Veranstalter_innen und immer skurrilen Anordnungen des städtischen Ordnungsamtes. 2001 eskalierte alles erneut:

Tage zuvor überflogen Tag und Nacht Hubschrauber unser Stadtviertel, leuchteten mit Riesenscheinwerfern unsere Gärten aus und ein Polizeiaufgebot unglaublichen Ausmaßes in Kampfanzügen zog wortlos durch die Feiernden! Die Luft brannte schon lange, bevor der erste Stein flog! (F. Beier, in: 1989-06. Ein Bild der IG Dresdner Äußere Neustadt, S. 178)

Seit Jahren wird von verschiedenen Seiten vergeblich versucht, die BRN wieder schöner, politischer, bunter und unkommerzieller zu machen. Aber was soll man von einer Schwafelrunde halten, in der Lokalpolitiker, „Kulturwirtschaftler“ und Gewerbetreibende ernsthaft einen Junggesellinnenabschied als Parade durch die BRN oder einen Heiratsmarkt auf der Alaunstraße als Veranstaltungsformen zur „Rettung der Neustadt“ oder der BRN diskutieren?

Bisweilen gab es Widerstand gegen das Kommerzevent. Doch die nichtkommerziellen Stände, politischen Aktionen, Reclaim the Streets – Umzüge usw. gingen im Bratwursttrubel unter oder wurden in das Spektakel integriert. Hingen im letzten Jahr nicht sogar schwarz-weiße „Scheiß-BRN“ Plakate an Häuserwänden? Nur im Kleingedruckten war zu entdecken, dass es sich eigentlich um Werbung für ein BRN-Konzert auf dem Lutherplatz handelte.

Heute hat sich die Neustadt im Bionadebiedermeier eingerichtet, verkauft bürgerliche Zusammenschlüsse in Baugruppen als alternative Lebensform und zuckt kollektiv mit den Schultern, wenn nach der Sanierung noch die Luxussanierungswelle über den Stadtteil schwappt. Hier stören sich Anwohner_innen beim Ausparken aus ihren Tiefgaragen an Wohnungslosen, während Stadt und Gewerbetreibende Gitter und Betonblöcke installieren, um Wohnungslose am Übernachten und andere am Betteln zu hindern.  Die Aufsässigen haben den Kreativen und diese den Besserverdienenden Platz gemacht. Bezahlbarer Wohnraum existiert kaum mehr und oberhalb des Alaunparkes ist ein durch Zäune eingegrenztes und mit eigenem Biosupermarkt versehenes Areal mit Eigentumswohnungen entstanden. Die Polizeiverordnung mit Sperrstunden für Spätshops ist mittlerweile gekippt – aber immer noch gibt es Personalienfeststellungen, wenn Leute die Füße am Assieck auf die Straße legen. Kameras, unabhängige Verdachtskontrollen, Securitys und der zeitweise Einsatz einer „Neustadtstreife“ sollen das angepasste Kulturkonsumverhalten am Abend absichern.

IMG_20160617_121434Wer steht denn beim Picknick im Alaunpark noch auf, wenn Flaschensammler_innen gewaltsam von der Wiese gejagt werden? Wer greift denn noch ein, wenn im Viertel Geflüchtete und PoC angepöbelt oder angegriffen werden? Stört es überhaupt noch jemanden, dass jedes Wochenende aggressive Dynamohools durch die Neustadt ziehen, besoffene Junggesellenabschiede Menschen sexistisch anpöbeln und rassistische Türkontrollen in den Clubs stattfinden?

Wir sagen: Dieser Stadtteil bekommt genau die „Bunte Republik“, die er verdient.  Für die BRN kann es kein „back to the roots“ geben. Für die erste provisorische Regierung der BRN waren „gewinnorientierte Mieten, Gewalt, Sperrstunden, Reklame, Wohlstandsdenken, Konsumfetischismus, Umweltzerstörung usw.“ noch „ziemlich ekelhaft“ (Zitat aus der Präambel zur (Un)verfassung der BRN 1990).  Genau dort aber ist aber ist die „Bunte Republik Neustadt“ bereits seit langem angekommen.  Solange Gewerbetreibende bei der Genehmigung von Ständen Vorrang vor Anwohner_innen haben, solange selbst Menschen, die sich spontan mit einer Gitarre auf die Straße stellen, GEMA-Gebühren entrichten müssen und Kinder mit Bauchläden von Kontrolleur_innen des Ordnungsamtes nach ihrer Anmeldung gefragt werden, solange Sondernutzungsgebühren für den Straßenraum und Bearbeitungsgebühren im Spiel sind, ist es nicht unser Fest.

Zwischen den Ruinen des Normalen wächst die Utopie – und Freiräume können nur dort entstehen, wo keine kommerziellen Zwänge existieren, wo sich Menschen abseits von  Hierarchien organisieren und engagieren und sich rebellisch gegenüber Verwaltungsvorschriften und behördlicher Repression zeigen. Es macht keinen Sinn, die Bratwurstrepublik mit dem Label „politisches Fest“ zu versehen oder künstlich am Leben erhalten, um das Stadtimage zu verbessern. Vielleicht gibt es in Zukunft kleine, wilde und selbstorganisierte Straßenfeste. Die könnten dann später, viel später, zu einer neuen BRN zusammenwachsen. Oder auch nicht.

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